Aufbruch im Ostseeraum
Wissenschaftler und Unternehmer sehen Chancen für Renaissance der Hanse
„Die Globalisierung in ihrer heutigen Form wird schon bald zu Ende gehen!“ Mit dieser kühnen These überraschte der Politologe Dr. Peter Robejsek, Wissenschaftler und Unternehmer auf der Hanse-Tagung in Hamburg. Doch der Direktor des internationalen Instituts für Politik und Wirtschaft „Haus Rissen“ stützte seine These auf gute Argumente: Die ständige Fusion von Unternehmen und die weltweite Vereinheitlichung von Waren und Kultur gingen an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. So laufe die Globalisierung in eine Sackgasse. „Die Kunden wollen keine Massenware, sondern wieder individuelle Produkte und Dienstleistungen“, so Robejsek. Es seien vor allem mittelständische Unternehmen und das Handwerk, die von dieser Entwicklung profitieren werden.
Wettbewerb der Regionen
Als weiteren aktuellen Trend nannte Robejsek eine zunehmende Regionalisierung und Dezentralisierung. Es entstehe ein intensiver Wettstreit der großen Regionen. Eine dieser konkurrierenden Großregionen ist der Ostseeraum. Nach Meinung der Teilnehmer der Hanse-Tagung hat er gute Zukunftschancen. Um gegen konkurrierende Regionen besehen zu können, müsse der Ostseeraum jedoch seine Innovationsfähigkeit steigern und die räumliche Identifikation fördern.
Innovation durch Kooperation
Die Hanse-Tagung wurde vom 27. – 29. Oktober 2005 vom Hanse-Parlament, der Universität Hamburg und dem Haus Rissen in Hamburg durchgeführt. Daran nahmen 40 Wissenschaftler, 60 mittelständische Unternehmer und Handwerker sowie 30 Berater und Multiplikatoren von mittelständischen Wirtschaftsorganisationen aus allen Ostseeanrainerländern teil. An 12 runden Tischen arbeiteten Wissenschaftler und Praktiker intensiv zusammen, um aus der Geschichte zu lernen und konkrete Ziele für die Zukunftsgestaltung zu entwickeln. Dieser internationale Austausch und der direkte Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft haben sich bestens bewährt. Gemeinsam wurde ein Ziel- und Strategiekonzept entwickelt, das nun über das Hanse-Parlament realisiert wird. Sämtliche Vorträge und Arbeitsergebnisse der Tagung werden in einem Buch veröffentlicht.
Die Tagung machte deutlich, dass in der Geschichte neben der Not, die sprichwörtlich erfinderisch macht, vor allem intensiver Wissens- und Kulturtransfer Innovationen begünstigt hat. Warum sollte dies in Zukunft anders sein? Neben die notwendige finanzielle Forschungsförderung sollte demnach ein verstärkter wirtschaftlicher und kultureller Austausch zwischen den Ostseeanrainern treten. Nur durch stabile Netzwerke kann sich eine räumliche Identität im Ostseeraum entwickeln, die die Grenzen in den Köpfen einzureißen hilft. Dazu könnten beispielsweise ostseeweite Ausbildungsprogramme und Eliteausbildungen für Unternehmer und Führungskräfte der mittelständischen Wirtschaft, die vom Hanse-Parlament an vier Standorten des Ostseeraumes verfolgt wird, einen wichtigen Beitrag leisten.
„Die Integration des Ostseeraums kann eine enorme wirtschaftliche Dynamik nach sich ziehen“, meint Dr. Jürgen Hogeforster, Vorsitzender des Hanse-Parlaments. Doch dazu müssten Bürger und Unternehmer selbst ihren Anteil leisten: „Integration kann man nicht politisch verordnen, wir alle müssen selbst die Initiative ergreifen“, so Hogeforster.
Hoher Förderbedarf bei mittelständischen Unternehmen
Doch gerade an diesem Punkt hapert es zurzeit noch: Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Gunnar Prause von der Hochschule Wismar wies darauf hin, dass kleinere Unternehmen die EU-Ost-Erweiterung zumeist als Bedrohung und nicht als Chance wahrnehmen. Dementsprechend gering sind noch ihre grenzüberschreitenden Aktivitäten im Ostseeraum. Erst mit steigender Mitarbeiterzahl investieren deutsche Unternehmen zunehmend auch in Polen und im Baltikum. Dabei böten gerade Kooperationen mit Unternehmern vor Ort oft hervorragende Perspektiven, um die neuen Märkte zu erschließen und auf diese Weise auch die Arbeitsplätze in der Heimat zu erhalten. „Da kleine und mittlere Unternehmen viel wichtiger für den Arbeitsmarkt sind als Großkonzerne, sollte sich die Förderung und Beratung viel stärker auf den Mittelstand konzentrieren“, sagte Prause.
Aus der Geschichte für die Zukunft lernen
Hals über Kopf sollte sich jedoch kein Unternehmer in Investitionen in die östlichen Nachbarländer stürzen. „Um dort erfolgreich zu sein, müssen Mittelständler die Kultur und die Arbeitswelt der anderen Länder kennen“, sagte Dr. Burghart Schmidt. Der Historiker von der Universität Hamburg machte deutlich, dass man die Vergangenheit kennen müsse, um die Zukunft gestalten zu können.
In vielen Vorträgen und Diskussionen der Hanse-Tagung wurde deutlich, dass es aus der mittelalterlichen Hansezeit viele Elemente gibt, die als Orientierung für die zukünftige Integration des Ostseeraums dienen können. „Die Hanse hat ihren Erfolg vor allem der guten Mischung von Gemein- und Eigennutz zu verdanken“, erklärte Jürgen Hogeforster. Voraussetzung dafür waren gemeinsame Ziele und Ideale, die die Händler und Handwerker mit ihrem Bündnis verwirklichen wollten.
Die Wurzeln der historischen Hanse sind noch grün! Nicht ihre Organisationsform, jedoch der Geist der alten Hanse ist zukunftsweisend für die Entwicklung einer Hanse der Neuzeit durch die mittelständische Wirtschaft und das Handwerk. Den Ostseeanrainern kann es auch heute wieder gelingen – so wurde auf der Hanse-Tagung deutlich –, durch den Bezug auf gemeinsame Werte wie Demokratie, Freiheit und Solidarität eine gemeinsame Identität zu entwickeln. „In einem solchen System des kooperativen Wettbewerbs hat der Ostseeraum die Chance, zu einer der wachstumsstärksten Regionen der Welt zu werden“, meint Jürgen Hogeforster.
Für Rückfragen und weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
Die Hanse-Tagung wurde gemeinsam veranstaltet vom Hanse-Parlament, dem Haus Rissen und der Universität Hamburg. Während der Tagung arbeiteten Historiker, Wirtschaftswissenschaftler und mittelständische Unternehmer aus allen Ostseeanrainerländern zusammen. Etwa 130 Personen verfolgten gemeinsam das Ziel, den gedanklichen Austausch zwischen Kultur, Handwerk und mittelständischer Wirtschaft vom Mittelalter bis zur Gegenwart anzustoßen sowie Visionen und Strategien für die gemeinsame Zukunftsgestaltung zu entwickeln.
Das Hanse-Parlament mit Sitz in Hamburg hat rund 30 Mitglieder, vornehmlich Handwerks- und Handelskammern, die über 200.000 mittelständische Unternehmen aus allen Ostseeanrainerstaaten repräsentieren. Der Verband fördert die wirtschaftliche Entwicklung des Ostseeraums, die grenzüberschreitende Tätigkeit von mittelständischen Unternehmen sowie ein spezifisches duales Studium für Unternehmer und Führungskräfte des Mittelstands.
Das Haus Rissen ist ein unabhängiges Bildungs- und Forschungsinstitut, das seit seiner Gründung im Jahre 1954 in den Bereichen Wirtschaftspolitik, Europapolitik und Internationaler Politik mit besonderem Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa tätig ist.